geschrieben am 24.12.2007 um 12:42 Uhr
439 Punkte
Einst ragte sie stolz und mächtig empor,
die Geißel des Selbst, verschlossen das Tor.
Aus Granit gemeißelt, mit Runen verziert,
im Innern meist Furcht und Angst regiert.
Im Sechseck die Türme, grau, gebrochen,
in ihnen der Geist wacht zeitlose Wochen.
Mit Blut gezeichnet, die Narben der Kriege
verweisen auf Schmerz und einsame Siege.
Zu viel schon erlebt, zu viel gesehen,
verloren sie war, und doch blieb sie stehen.
Das schwarze Tor allen den Einlass verwehrt,
die der Sehnsucht Feuer durch Lüge beschwert.
Die Mauern, sie zittern, erbost und gerührt,
das Tor sich öffnend ihn leise verführt.
Der Pilger tritt ein, verharrt und lauscht,
Schüler und Meister sind nun vertauscht.
An der Festung Zinnen nach langer Zeit,
erste Strahlen vertreiben die Dunkelheit.
Auf schwarzen Pfaden, ganz unbeschwert,
der Wanderer sich dem Zentrum nähert.
In der Mitte ein Tempel, weise und alt,
aus Marmor die Stufen, geschliffen, kalt.
Der Pilger erklimmt sie, fernab ein Ton,
des Schicksals Horn spielend bricht Illusion.
Am Ende des Weges, leuchtend und klar,
erhebt er sich stumm, des Geistes Altar.
Auf ihm ein Buch, die rußigen Seiten
sprechen verzückt von stürmischen Zeiten.
Die Augen, sie glänzen, der Pilger es liest,
die Gedanken er in sein Herz verschließt;
entzündet Kerzen in purpurnem Rot.
Wenn sie einst verlöschen, so bin ich tot.
geschrieben am 24.12.2007 um 12:50 Uhr
ich weiss nicht ob ich das richtig interpretiere?! könnte es ein prozess des eigenen lebens darstellen.
in der jugend ein krawallbruder und sich langsam besonnend zur inneren ruhe einkehrt. kurz gefasst.
ansonsten dichterisch echt klasse, gut lesbar und einfach gut. gefällt meaty sehr gut. weiter so...
frohe weihnacht meaty
geschrieben am 24.12.2007 um 13:04 Uhr
Hallo!
Dichterisch finde ich es ebenfalls sehr gut. Zur Interpretation:
Das lyrische Ich früher immer sehr verschlossen, hat niemanden näher an sich herangelassen und konnte keine Gefühle zeigen. Ein Krawallbruder passt nicht schlecht in das Bild hinein. Doch im Inneren hat es immer rumort. Der Pilger schafft es jeodch dem lyrischen Ich näher zu kommen und lehrt ihm sich seinen Gefühlen zu stellen, und mit ihnen umzugehen. Auch hier passt das langsame Besinnen. Der Pilger akzeptiert die alten Seiten des LyrIchs und gehört nun zu ihm. Aber was genau ist der Pilger? Wahrscheinlich ein neues Ich, aber vielleicht auch doch eine andere Person?
Mit Bitte um Aufklärung...
Liebe Grüsse, snakeman
geschrieben am 24.12.2007 um 13:09 Uhr
Ich stecke grad in den Weihnachtsvorbereitungen, werd mir aber nachher sicher etwas Zeit nehmen können, um mit euch zu diskutieren.
Bis dahin erst einmal frohes Fest.
Nico
geschrieben am 27.12.2007 um 11:40 Uhr
Danke erstmal für die tollen Kommentare, konkretisiert mal eure Fragen, mal schaun, ob wir das gleiche denken :D.
geschrieben am 27.12.2007 um 12:11 Uhr
Hallo ich habe die Kommis gelesen Bin etwas erstaunt,
habe vielleicht nicht so viel Lyrik in meinen Gedichten, aber liebe die alten balladen.Sondern mehr gereimte Prosa, aber hier seh ich ganz einfach, die alten Gebäuse, ob Schlösser, Burgen, Festungen, sie alle waren ja mit Krieg, Blut und Verfolgung , eins.
Und heute , nach dem vieles fast verfallen ist, wird dort zum Teil neues Leben eingebracht, und der Pilger, sprich Tourist, steht teils staunend, teils erfürchtig, aber leider auch meist unwissend vor den Altären der Grausmkeiten und erstirbt fast in Ehrfurcht. Das heute immer gegen Obulus auch die Kerze anzuzünden ist, macht es nicht weniger makaber.
Aber wie gesagt, so interpretiere ich es. vielleicht hatte der schreiben ja ganz andere Intuitionen. gruß edith Hoppe
geschrieben am 28.12.2007 um 11:07 Uhr
Was ich mir gedacht habe, als ich das Gedicht geschrieben hab, kann ich euch sagen, wenn ihr mir sagt, ob ich da Strophe für Strophe vorgehen oder im Gesamtbild beschreiben soll.
Im großen und ganzen geht es (für mich) um den Schutzring eines jeden, den er immer bei sich trägt, und um den Neubeginn einer Liebesbeziehung.
geschrieben am 29.12.2007 um 12:47 Uhr
Hallo nicolas!
Dann nur noch eine Frage: Ist der Pilger also die neue Liebe?
Liebe Grüsse, snakeman
geschrieben am 29.12.2007 um 15:47 Uhr
So sehe ich das, ja :D.
geschrieben am 29.12.2007 um 16:20 Uhr
Damit keine weiteren Fragen! ;) Vielen Dank für die Erläuterung.
Liebe Grüsse, snakeman
geschrieben am 28.01.2008 um 09:48 Uhr
Hallo nicolas,
gefällt mir fast noch besser als "Der Schlüssel"! Man kann so unglaublich schön eintauchen in eine Welt, die vielleicht in uns allen wartet, entdeckt zu werden.
Alles Liebe
Hanna
geschrieben am 10.02.2008 um 10:21 Uhr
Erinnert mich an "Der Name der Rose", altes Gemäuer, schon schaurig. Die düstere Stimmung des Gedichts wird nach und nach aufgebrochen, super Inhalt, klasse!
Viele Grüße
Crox
geschrieben am 10.02.2008 um 16:53 Uhr
Oh wie schön!
Du schreibst so toll, deine Wortwahl ist einfach klasse.
Ich hab es mir auch erst als Burg vorgestellt, dann hab ich dir Kommentare hier gelesen und dann nochmal das Gedicht und ich find es einfach super.
Ich fand ja schon "Schlüssel" so toll und jetzt das... ich les gleich noch deine anderen Gedichte!
lg
Mirke
geschrieben am 26.03.2008 um 10:37 Uhr
Ein schönes Gedicht, gefällt mit wirklich gut. Berührende Zeilen. LG Sabine
geschrieben am 12.05.2008 um 01:49 Uhr
Du schreibst, und ich denke irgendwie immer an das Mittelalter, an mystische Zeiten und an alte Dichtkunst. Du bildest auch hier wieder besondere Reime, und Deine eigene Interpretation finde ich sehr interessant. Du schreibst sehr lang, und dennoch enthält es keinen Satz zu viel. Du hast bei mir geschrieben, daß wir im Stil (beim Geisterhaus glaub ich) sehr ähnlich sind. Ich muß sagen: Das schmeichelt mir. Ich bin schwer beeindruckt bis jetzt.
Gruß
Marcus
geschrieben am 29.07.2008 um 19:31 Uhr
Hi Nico,
deine Zeilen sind einfach große Klasse......
Lg. Hexe75!
geschrieben am 02.07.2009 um 15:36 Uhr
Dichterisch: sehr gut
Inhalt: sehr gut
insgesamteindruck: WOW!!
ein riesen lob an dich, nico!
Schreibstil: 1+ !und mehr...
schreib weiter so, ich will deine Gedichtsbücher lesen =)
LG Lena
geschrieben am 02.07.2009 um 20:04 Uhr
Hallo Nico,
nicht so bescheiden
gerade deine Werke haben es in sich und es gebührt ihnen einen Ehrenplatz.
Lass es dir ruhig durch den Kopf gehen
GGLG josie
geschrieben am 02.07.2009 um 19:59 Uhr
Dear jelena,
freue mich über das Lob ;). Auf ein Buch wird man wohl aber noch warten müssen, vielleicht, wenn ich alt, grau, und noch etwas weiser bin ;). Vielliecht wird es auch dann gerade nicht erscheinen.
Liebe Grüße
Nico
geschrieben am 31.03.2009 um 01:28 Uhr
"Smile", ich freu mich, dass dieses Gedicht so viel Anerkennung findet.
@ marcus: Mittelalter, Mystisches und Fantasievolles liegt mir wohl gut "lach".
@ twity: jau, stöber ruhig, ich stöbere dann zurück :).
@ sami: danke ;).
geschrieben am 03.11.2008 um 19:28 Uhr
Großartiges Gedicht!
Gute Dramarturgie und auch sehr stark umgesetzt
hoffe mir gelingt auch mal so ein Mesiterwerk
geschrieben am 27.11.2008 um 22:49 Uhr
Hallo Nicolas,
mußte jetzt mal bei dir stöbern...
dein letztes Werk hat mich so beeindruckt.
Toller Schreibstil - wunderbar geschrieben - einfach klasse....
Liebe Grüße an dich
Twity-Autor
geschrieben am 20.04.2009 um 19:57 Uhr
Könntest du bitte mal "Tränen der Eule lesen (endlich reale Liebe bei mir?)!
Freue mich auf deinen Kommi.
LG Gavin
geschrieben am 30.03.2009 um 14:47 Uhr
Wirkliche Weltklasse!
geschrieben am 07.04.2009 um 20:54 Uhr
Wow.
Ich sag nich gern was zu Gedichten wenn ich nichts sagen kann ausser "Woah, das is geil" aber...
Woah, das is geil.
Ich liebe den Schreibstil und die vielfältige Botschaft, einfach eines der besten Gedichte die ich seit langem gelesen habe.
geschrieben am 19.04.2009 um 18:08 Uhr
Hallo Nico,
auch hier wieder ein Meisterwerk!
Auch wenn ich die zahlreichen Kommentare schon gelesen habe, würde ich folgende Interpretation anbringen:
Die Festung ist eine Frau, die durch irgendwas verletzt oder verschlossen wurde, und du musst, als Pilger den Weg zu ihrem Inneren finden. Das Buch würde ich als die Seele der Frau interpretieren.
Soviel dazu, falls ich mich irren sollte korrigier mich bitte!
Sprachlich ist es an sich gut gelungen, nur eine kleine Anmerkung. Ich hätte in der 6.Strophe geschrieben:
des Schicksals Horn bricht spielend Illusion.
Das ist die einzige Stelle wo es ein wenig hakelt!
Ansonsten kann ich nur sagen: Weltklasse Leistung!
LG+Punkt
Gavin
geschrieben am 11.05.2009 um 22:37 Uhr
Hallo Nico,
lies doch mal bitte "Die geheime Macht" und "Saturday Night Fever".
Bei dem ersten war dieses Gedicht hier meine Inspiration. Das zweite ist ein Dialog zwischen mir und meiner Freundin.
Für die erste Tatsache nochmal einen Punkt für dich!
LG Gavin
geschrieben am 26.05.2009 um 15:23 Uhr
Hallo Nico,
gebe mir bitte etwas von deinem Talent ab,bitte.
Fantastische Zeilen.Ich möchte gar nicht erst hinter den Zeilen blicken,ich finde sie einfach nur super.
LG,Karsten
geschrieben am 19.06.2009 um 00:07 Uhr
Uiuiuiui...
DAS ist schwere Kost. Doch so umwerfend fesselnd. Ich kann nicht viel Kritisieren, da ich nicht ganz kapiere was da eigentlich passiert. Die Festung erscheint mir jedenfalls wie eine verführerische Falle
Ich versuche mal die Gedanken, die mir durch den Kopf schießen zu ordnen:
1.
Beschreibung einer Person, die sich nach außen hin abgrenzt; sich verkleidet und sich tarnt (Runen). Denn sie fürchtet sich tief im inneren sich zu offenbaren.
2. ?
Ein Hexagon?! Steht hier wohl für einen Ausgleich. Weiterhin Darstellung der ewigen Enttäuschungen und des Schmerzes. Vielleicht will sie das ausgleichen
3
Hier wird Enttäuschung deutlich und die Angst vor neuen (..Tor allen den einlass verwehrt....durch lüge beschwert)
4
Der Pilger (eine neue "Liebe") tritt auf; kommt ihr näher.
Schüler wird zum Meister steht hmm.. eigentlich für selbstständigkeit - heißt, der Pilger hat für sich entschieden "einzutreten"?
5
Der Pilger kommt ihrem Herzen näher (Zentrum)
6
Sie lässt ihre Maskerade fallen und teilt sich ihm mit (Buch)
(Des Schicksals Horn) irgendwas schlimmes passiert hier. Ich weiß nur nicht was.
7
Du erwähnst Altar. Ich weiß irgendetwas hast du im Inhalt "opfern" lassen. Da du vorhin Runen erwähntest, scheint der Altar noch zum verbrennen gedacht. Auch die rußigen Seiten sprechen hierfür.
8
Der Pilger scheint traurig, während er "liest" und entzündet deine so geliebten "Kerzen des Lebens" .Da er am Altar ließt und kurz vorm Heulen ist, glaube ich er ist das Opfer, das verbrannt wird. Von wegen "neue Liebe".
Bitte klär mich mal auf. Ich verstehe einfach das warum nicht.
Ach ja. Hier schon mal ein Punkt, da ich echt baff bin.
Wahnsinn.
LG Jens
geschrieben am 19.06.2009 um 17:04 Uhr
Hallo Nicolas,
ich bin total überwältigt.
Ich gebe auch mal meinen Senf dazu.
Es ist traurig, aber wie für mich gemacht.
1.
Stolz und mächtig, JA. Aber nur nach außen.
2. Grün sind meine Augen (nicht grau) müde/still (bemoost)
Einsame Siege habe auch ich errungen, und es hinterher zutiefst bereut.
3.Verloren fühle ich mich auch heute noch manchmal, aber richtig untergekriegt, hat man mich kaum.
(Das schwarze Tor find ich klasse :) )
Ich hasse Lügen, und beim bloßen Verdacht darauf, ziehe ich mich schon zurück.
ab der 4. Strophe
Noch hoffe ich auf einen Pilger, der den passenden Schlüssel zu meinem Tor hat, schmunzel,
und sich von seiner langen Reise, in meinem kühlen Schatten ausruhen möchte.
Also, ich muss schon sagen, ich finde es absolut genial, die Metaphern und dein perfektes "reimisch". Sehr, sehr gerne gelesen und gefühlt.
geschrieben am 24.06.2009 um 12:34 Uhr
Dear jens,
hab zuerst einmal wieder Dank für deinen schönen Kommentar; inhaltlich beschäftigen wenige Leser mit allen Punkten eines Textes. Zum Beispiel bist du einer der wenigen von den vielen Lesern (habe dieses Gedicht schon an einigen Stellen „veröffentlicht“), die sich mit dem Hexagon auseinander setzen.
Ich gebe jetzt einmal eine soweit wie möglich (damit der Spaß nicht ganz verloren geht ;)) „vollständige“ Interpretation von meiner Seite zu diesem Text ab bzw. gehe einfach auf deine Punkte ein, da sie vieles ansprechen. Zudem wurde ich schon von einigen gebeten, mal eine längere Stellungnahme zu meinem Text zu nehmen.
Die ersten dreieinhalb Strophen beschreiben die Festung als das, was sie ohne die „Störung“ eines Pilgers, hier das Bild der Liebe, einer virtuellen Person, ist: den Schutzring eines jeden, den er um sein Inneres gezogen hat. Ein Ring, dessen Stärke auf den Erfahrungen, was gut für einen ist, und vor allem, was einen zerstören/verzweifeln lassen/tieftraurig stimmen würde, basiert. Ein Ring, der notwendig fürs Überleben ist, das „dicke Fell“ im weitesten Sinne, nur eben nicht bestimmt zur Abblockung von Anfeindungen oder Lästereien, sondern ein Filter für Lug und Trug in der Liebe.
„Einst ragte sie stolz und mächtig empor,
die Geißel des Selbst, verschlossen das Tor“
Der Schutzring, nach außen stark, doch für das Innere eine Geißel, da er zum Selbstschutz viele Chancen schon im Entstehen zunichte macht (was das lyr. Ich oftmals zerfrisst). Das lyr. Ich trägt diese Festung in sich, besonders gestärkt ist sie durch einen Verlust in nicht allzu ferner Vergangenheit (darauf geh ich am Ende noch kurz ein). Das Granit soll das Bild der Undurchdringbarkeit stärken, die Runen lass ich hier offen; sie können sehr vielschichtig gedeutet werden; als letztendliche Überbringer des Todes („runes on the grave“), als Blocker oder Schnittstelle für spezielle Worte, eine Art „Sesam öffne dich“ für die Festung, welches in ihnen verschlüsselt ist, oder für die Verstärkung der Festung, wenn Worte der Lüge fallen.
Durch die oftmalige Verstärkung entstehen Zweifel, ob die Festung überhaupt irgendwann gebrochen werden kann -> Furcht und Angst regieren im Inneren des Schutzrings.
Das Sechseck steht hier für Harmonie (harmonisches Objekt), und wird gleichzeitig verknüpft mit „grau, gebrochen“. Die Harmonie nach außen ist Täuschung, das Innere ist zutiefst aufgewühlt, angespannt, rastlos. Von den Türmen der Festung überwacht der Geist das „Umland“, besser Umfeld, wartet zeitlose, nicht enden wollende Wochen und Monate auf den Einen, der in die Festung eintreten kann.
Die Narben können nur durch wahrhaftige Gefühle entstanden sein, alles andere prallt von der Festung fast ohne Wirkung ab. Daher sind sie mit Blut gezeichnet, mit Schmerz. Die Kriege stehen hierbei für frühere Schlachten im Inneren, frühere Ereignisse. Einsame Siege daher, weil sich letzten Endes der Schutzring durchgesetzt hat (denn die Festung besteht ja weiterhin). Notwendigerweise muss das lyr. Ich weiter einsam bleiben.
„Zu viel schon erlebt….“ Verweist auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, „verloren sie war“ darauf, dass es schon welche gab, die in ihn eingedrungen sind. Jedoch baut sie sich nach dem Verlust dieser Menschen immer wieder neu, mächtiger, wieder auf; „und doch blieb sie stehen“.
Das schwarze Tor ist hier wieder als eine Art Filter für die wahrhaftigen und die vorgetäuschten Gefühle zu verstehen. Zwischen Lust und Liebe ist es am Anfang in meinen Augen nur eine sehr enge Gradwanderung, und dieser letzte Filter entscheidet, was es nun wirklich ist. Bei wahrer Liebe öffnet sich das Tor, und für diejenigen, die der „Sehnsucht Feuer“ nur vorgetäuscht haben, bleibt es für immer verschlossen.
Nun kommt der Wandel, das lyr. Ich hat eine neue Liebe gefunden, den Pilger, für den sich das Tor öffnet.
Der Pilger tritt ein, und lauscht auf eine Resonanz. Doch die gibt es nicht. Denn wenn jemand es schafft, diesen Ring zu durchdringen, ist alles neu, alles anders, und alles immer wieder unbekannt. Obwohl mit so vielen Erfahrungen ausgestattet, ist das lyr. Ich nun wieder ein Schüler seiner Selbst. Die Erfahrungen (zum Beispiel über das Führen einer Beziehung, Schließen von Kompromissen etc.) sind natürlich vorhanden, aber ich wollte hier eher auf das Ungewisse in der neuen Liebe eingehen.
Die nächsten beiden Strophen dienen bis auf die Zeilen, in denen des „Schicksals Horn“ spielt, der Weiterführung der Geschichte.
Der Pilger durchschreitet nun das Innere der Festung, bis er zum Zentrum, dem Tempel, kommt. Der letzte Ton, die Absicherung, kann nicht mehr vom lyr. Ich beeinflusst werden. Ich glaube nicht an Schicksal o.Ä., sondern wollte dieses Bild einfach dafür verwenden, dass nun keine rationalen Gedanken über Gefühle, selbstgesteuert, mehr die Wahrheit über Richtig und Falsch verraten können. Sondern das nun eine „Bauchentscheidung“ getroffen wird, ob man für all das, was eine neue Liebe mit sich bringt, bereit ist (auch bereit, wieder neue Schmerzen auf sich zu nehmen, die Festung nach eventuellem Verlust erneut erstarken zu lassen). Die eventuelle Illusion von Liebe wird hier durch die nicht rationale Prüfung des Inneren noch ein letztes Mal vollzogen. Danach gibt es kein Zurück mehr, der Pilger dringt in das Innerste, was man nur Wenigen zeigt, ein.
Hierfür steht der Altar, er bildet das „Allerheiligste“ des lyr. Ichs, in dem Sinne zu verstehen, dass ihm sowohl der Tempel als auch das Buch auf dem Altar sehr wichtig (lebenswichtig) ist, und dass ihn Störungen dieses Inneren in große existenzielle Probleme stürzen kann. Der Pilger liest nun das Buch auf dem Altar. In ihm stehen Vergangenheit, Wünsche, Gefühle, die tiefsten persönlichen Gedanken, Charakterzüge. Rußig sind die Seiten, weil sich sowohl Leser als auch Autor an vielen Stellen schon einmal verbrannt haben; ein Verweis darauf, dass das Leben nicht nur aus Harmonie, sondern auch aus Ecken und Kanten besteht (genau diese machen einen Menschen auch (!) interessant und individuell).
Die glänzenden Augen sind hier nicht als weinende, sondern als verzückt glücklich glänzende Augen zu verstehen. Die Wendung durch den Pilger (und für den Pilger !) sind also zutiefst positiv. Dies hattest du in deiner Interpretation genau andersherum.
Das Licht der Kerzen steht für den endgültigen Neubeginn der gegenseitigen (!) Liebe, zudem der Pilger hier dauerhaft als aktiv, und das lyr. Ich meist als passiv/abwartend/auf sich selbst lauschend dargestellt wird.
Letztendlich zweifelt das lyr. Ich daran, dass es bei Verlust dieser neuen Liebe noch weiter existieren könnte, da der Pilger schon sehr viel mitgebracht haben muss, um in die Festung überhaupt hineingelassen zu werden.
Abschließend wie angekündigt zum persönlichen Hintergrund: einige Monaten vor diesem Gedicht hat sich meine erste große Liebe von mir getrennt. Ich war davor nur mit einer Frau so richtig zusammen, hab aber im Umgang mit Mädchen/Frauen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Bettes (ich Vergleich das jetzt mal mit meinen Freunden) relativ viel Erfahrung sammeln dürfen. Genau dieses Leben habe ich versucht, auch nach der Trennung wieder aufzunehmen, mit vielen Frauen ins Bett zu gehen, mich „abzulenken“… es hat überhaupt nicht mehr funktioniert, ich wollte eine neue Beziehung, ich wollte kein Single- und kein Single-Sex-Leben mehr. Habe es dann mit einem Mädchen auf der Beziehungsebene probiert, aber ich hab mich einfach belogen, war nicht bereit dafür, und mein Schutzring hat mir immer wieder auch Chancen genommen, vielleicht mich doch tiefer mit anderen Frauen zu beschäftigen. Ich war zutiefst einsam, unglücklich, und habe sehr daran gezweifelt, ob ich überhaupt noch einmal so viel für eine Frau empfinden kann wie bei der ersten großen Liebe, ob ich mich überhaupt wieder wahrhaft verlieben und dann auch richtig lieben kann.
Zu der Zeit des Gedichts habe ich dann solch einen Menschen gefunden, und die Beziehung hat sehr lange gehalten.
Die letzte Zeile des Gedichts kann ich im Nachhinein für mich negieren, ich kann weiter existieren (auch wenn es sehr schwer ist, Trennung nach gut 2 1/2 Jahren ist noch nicht lange her). Aber andere mögen das anders sehen
Soweit zum Background. Die Stellungnahme ist rein persönlich und ich denke, dass das Gedicht immer noch genug Spielraum für diejenigen offen lässt, die meine Sicht nun gelesen haben, um Spaß am Lesen zu haben.
Wie immer die besten Wünsche
Nico
geschrieben am 24.06.2009 um 12:37 Uhr
Dear selig,
auch dir danke für den schönen Kommentar. Du hast für dich die wesentlichen Punkte sehr gut erkannt, und dein Empfinden geht mit meinem sehr gut zusammen.
Das wir viele Dinge ähnlich sehen wirst du nun auch in der Stellungnahme zum Gedicht von mir wiederfinden ;).
Viele Grüße
Nico
geschrieben am 24.06.2009 um 12:51 Uhr
Herrzlichen dank für die Aufklärung, Nico.
Mit glücklichen Augen ergibt auch alles einen Sinn :)
Mein Fehler.
Ich werde mir deine \"Übersetzung\" ausdrucken und mir alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Denn wie ich schon sagte.
ich bin baff. Mich lächzt es förmlich allem genau auf den Grund zu gehen.
So viele unglaublich gut ausgewählte Metaphern...Genial.
PS:Ich melde mich demnächst noch zu deiner \"Betonung\"
Jetzt muss ich erstmal in die Vorlesung ; )
LG
Jens
geschrieben am 03.07.2009 um 00:16 Uhr
Dear josie,
ich glaube ernsthaft, dass ich für so etwas einfach noch nicht bereit bin. Auch ich habe noch viel zu lernen ;). Allerdings freu ich mich natürlich, dass du da Potenzial siehst ;).
Liebe Grüße
Nico